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Autor Thema: Kinotip! Tatil Kitabi - Summer Book  (Gelesen 2084 mal)

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am: 27. Juni 2010, 07:30:59

Offline TC Melanie

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Schluss mit den türkischen Vätern!
Ferien in der anatolischen Provinz: Der sehenswerte Film "Summer Book" erzählt davon, wie viel und wie wenig in einem Sommer passieren kann. Dabei zeichnet er ein vielschichtiges Bild der heutigen Türkei.

Ein langer Blick auf eine antike Ruinenlandschaft vor dem Hintergrund des blauen Mittelmeeres eröffnet den Film. Kurz darauf klettert eine Schulklasse bei ihrem Ausflug über die Trümmer: ein Sinnbild für vieles, was in diesen Jahren in der Türkei geschieht; für eine neue, junge Generation, die alten Ballast hinter sich lässt. Am Ende dieser ersten Einstellung tritt Ali ins Bild. Der Zehnjährige ist die Hauptfigur dieses Films, der von seinen Ferien erzählt und an dem Tag endet, an dem er wieder in die Schule muss. Immer wieder sieht man ihn im Folgenden durch die Gegend laufen, aus großen Augen gucken, aufmerksam beobachten. Jenes Sommer-Buch, das der Lehrer den Schülern am letzten Schultag mitgab, um dort ihre Ferienerlebnisse zu notieren, ist ihm zwar noch am gleichen Tag von einem Mitschüler geklaut worden. Trotzdem wird er am Ende viele Erfahrungen in die Klasse, die in der Türkei mehr als anderenorts auch eine Schule der Nation ist, mitbringen.

Die Bewegung des Films ist dreigleisig: Zum einen zeigt er den Alltag in Silifke, einer anatolischen Kleinstadt nahe der Mittelmeerküste. Die Monotonie alltäglicher Routine bestimmt hier das Leben. Dies ist die Welt der Frauen, die hier vor allem in Gestalt der Mutter gezeigt wird. Sie steht für Konstanz und Statik, für das Gefühl wohliger Vertrautheit, die im Unveränderlichen liegt, aber ebenso auch für eine stille Trauer, die man Menschen gegenüber empfindet, die vermeintlich die beste Zeit ihres Lebens bereits hinter sich haben.

Türkische Themen, europäische Vorbilder

Die zweite Erzählbewegung ist dynamischer. Sie zeigt eine Familie im Aufruhr. Da ist Alis autoritärer Vater, ein Zitronenhändler, der sein Leben in traditionellen Bahnen führt und Frau und Kinder zu dem zwingt, was nach seiner Ansicht "das Beste für sie" ist. Das gilt auch für den jüngeren Bruder des Vaters. Der probte einst den Ausbruch, zog in die große Stadt und wollte studieren; doch irgendwann kehrte er gescheitert zurück. Die Situation wird noch angespannter, als Alis älterer Bruder zu Besuch kommt. Der Vater zwang ihn einst auf die Militärakademie, jetzt offenbart er, dass er die Armee verlassen will. In seiner ersten Hälfte ist die Erzählung zunächst völlig rund um diese Spannungen strukturiert, die der autoritäre Vater mit dem Rest der Familie austrägt. Dann aber erleidet der strenge Vater einen Schlaganfall und fällt ins Koma. Das wirkt zunächst fast wie der Eingriff einer höheren Instanz. Aber plötzlich ist jeder gezwungen, Verantwortung zu übernehmen. Da enthüllt dieser helle Sommerfilm mit Tiefgang die Dialektik der patriarchalen Strukturen: Die strengen Väter nehmen den Söhnen und jüngeren Brüdern, den Frauen sowieso, nämlich auch eine Menge ab. Und solche Machtlosigkeit hat ihre bequemen Seiten. So lässt der Regisseur die Ausbruchsversuche seiner Figuren immer wieder in die alten Strukturen münden: Der erwachsene Bruder bleibt entgegen seinem Wunsch beim Militär, der Onkel, ein Universitätsabbrecher, betreibt zum Schluss die Geschäfte seines Bruders, der kleine Ali sitzt am Ende wieder auf der Schulbank. Das eigentliche Zentrum des Films aber bildet zuvor Ali selbst: Seine Geschichte ist die eines ratlosen, gar nicht so sehnsüchtigen Beobachtens der Älteren. Ali wird Zeuge einer offenkundigen Erschütterung des Patriarchats.

Auch der dreiunddreißigjährige Regisseur Seyfi Teoman steht für eine neue Generation: In den Filmen jüngerer türkischer Regisseure werden die lange Zeit starren Grenzen zwischen Mainstream und Autorenkino wieder durchlässiger als in der Generation der heute Mittvierzigjährigen um die Regiestars Nuri Bilge Ceylan und den Berlinale-Gewinner Semih Kaplanoglui. Früher arbeitete Teoman für Reha Erdem, an dessen "Bec Vakit" ("Five Times") sein Film mitunter erinnert. Wie bei Erdem glaubt man auch in seinem Film eine gewisse Abkehr von den Vorbildern Tarkowski und Angelopoulos und dafür Einflüsse des französischen Kinos und durch amerikanische Independents wie Gus Van Sant zu entdecken. Alle klassischen Themen des neuen türkischen Kinos - das Bild der Familie, die Identitätssuche, das Verhältnis von Tradition und Modernität und die Grenzen der Tradition, die Infragestellung der Männerbilder - findet man auch hier. Sie werden aber weitaus entspannter gehandhabt.

Die Jungen und die Überväter
Teomans großartiges, zum Teil mit Laien inszeniertes Debüt vermeidet alle Klischees der Familien- und Ferienfilme. Stattdessen entfaltet er in ruhigen Bildern, die manchmal stark denen des übrigen zeitgenössischen europäischen Autorenkinos gleichen, dann wieder sehr originell von ihm abweichen, das dramatische Potential im Prinzip undramatischer Geschehnisse.

Immer wieder ist in "Summer Book" ein Wechselspiel zwischen Gehen und Zurückkehren, Aufbruch und Dableiben erkennbar, das zumeist im Konflikt zwischen Stadt und Land und der Generationen ausgetragen wird. Wer heute darüber philosophiert, wie westlich denn die Türkei nun wirklich ist, der sollte sich diesen Film anschauen. Denn darin geht es nicht um EU-Beitritt, nicht um neo-osmanische Geopolitik, sondern um das, was in der Türkei gerade tatsächlich passiert: um ein Land, in dem die Hälfte der Bevölkerung jünger ist als fünfundzwanzig, das sich nur allzu gern von seinen Übervätern ablösen will, dem das aber alles andere als leichtfällt.

Quelle: FAZ.net
Zum Reisen gehört Geduld, Mut, guter Humor, Vergessenheit aller häuslichen Sorgen, und dass man sich durch widrige Zufälle, Schwierigkeiten, böses Wetter, schlechte Kost und dergleichen nicht niederschlagen lässt.

Im Leben geht es nicht darum zu warten, bis das Unwetter vorbei zieht, sondern zu lernen im Regen zu tanzen!


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