Laut Umfragen fühlt sich fast die Hälfte aller Reisenden bei ihrer Rückkehr nicht optimal erholt. Psychotherapeut Michael Stark gibt zehn Tipps für einen wirklich entspannten Urlaub.
Einmal komplett abschalten, neue Energien tanken, den Alltag vergessen - leider erfüllt sich dieser Wunsch nicht für jeden Urlauber. Laut Umfragen fühlt sich fast die Hälfte aller Reisenden bei ihrer Rückkehr nicht optimal erholt. Dabei sind es nicht immer nur "Klassiker" wie Baustellenlärm, Diskokrach oder unfreundliches Personal, durch die der Urlaub misslingt. Häufig sind auch zu hohe Erwartungen an die freie Zeit und falsche Erholungsstrategien schuld.
"Viele Menschen können die Gelegenheit zur Entspannung nicht richtig nutzen", weiß Professor Michael Stark. "Ich begegne immer häufiger Menschen, die es dringend nötig hätten, Energie aufzutanken. Aber nicht selten haben gerade diese Leute die Gelegenheit dazu - ihren Urlaub - gerade hinter sich", berichtet der Chefarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Asklepios Westklinikum Hamburg. "Eine strapazierte Seele braucht ebenso überlegte Urlaubsplanung wie eine beanspruchte Bandscheibe", betont der Autor des Buches "Wenn die Seele S.O.S. funkt" (rororo, 10,50 Euro).
Aber wie schaltet man im Urlaub richtig ab?
Auf Kontraste setzen
Langes Sitzen oder Stehen, stundenlange Arbeit am Computer: In unserem Arbeitsleben sind wir oft einseitigen Belastungen ausgesetzt. "Urlaub ist häufig die einzige Gelegenheit, den Ausgleich zu schaffen, den Seele und Körper brauchen", weiß Professor Michael Stark. Am besten setzt man dazu auf Kontraste: "Jemand, der den ganzen Tag sitzt, sollte sich im Urlaub bewegen, um zu entspannen." Menschen, die überwiegend an Computern oder Maschinen arbeiten, sollten im Urlaub vor allem die Natur genießen und Kontakte pflegen. Berufstätige, die viel mit anderen Menschen zu tun haben, sollten dagegen auf Ruhe setzen und dafür sorgen, dass sie nicht zu viel Trubel um sich haben.
Drei Wochen Auszeit gönnen
"Körper und Seele brauchen mindestens drei Wochen, um sich zu erholen", rät Michael Stark. "Das gilt ganz besonders, wenn man in eine andere Zeitzone oder in ein anderes Klima fährt." Denn Jetlag und die Umstellung auf ein anderes Klima können Körper und Seele auch belasten. Das gilt ganz besonders für stark Gestresste.
Für viel beschäftigte Manager empfiehlt Stark daher "lieber vier Wochen Urlaub auf Sylt als zwei Wochen Karibik-Trip". Auf exotische Reiseziele, Abenteuer-Urlaub und Extrem-Belastungen wie den Tropentrip oder die Wüstenwanderung braucht dennoch niemand zu verzichten. "Allerdings sollte man darauf achten, dass diese Reise nicht der einzige Urlaub im Jahr ist. Denkbar ist auch, dass man im Alltag auf mehr Erholung achtet, zum Beispiel regelmäßig ein verlängertes Wochenende einlegt."
Erwartungen klären
Wenn mehrere Menschen gemeinsam in die Ferien fahren, sind Konflikte oft vorprogrammiert - der eine setzt auf Strand und Erholung, ein anderer hofft auf Disko und neue Kontakte, der Nächste wünscht sich ausgiebige Stadtbummel und Museumsbesuche. "Deshalb sollte man vor dem Urlaub unbedingt mit den Mitreisenden beziehungsweise mit der Familie klären, was jeder machen möchte", rät Stark. Dazu sollte man schon vor der Abreise möglichst genaue Informationen vom Urlaubsort haben. Dann darf jeder Mitreisende Wünsche äußern. "So plant man den Urlaub durch, und jeder ist zufrieden", rät Stark.
Zeit für einen Cooldown nehmen
Körper und Seele brauchen im Urlaub Zeit, um abzuschalten. "Viele Gestresste glauben, dass sie gleich am ersten Tag ganz entspannt am Strand liegen und ein Buch lesen", weiß Michael Stark. "Aber das funktioniert meist nicht, weil man schlecht von 180 auf null herunterschalten kann. Körper und Seele brauchen auch eine Art Cooldown." Am besten verbringt man daher die erste Woche aktiv - etwa in einem Golf-Schnupperkurs oder mit Besichtigungstouren. Ruhige Tage am Strand stehen ab der zweiten Urlaubswoche auf dem Programm.
Getrennte Wege gehen
Der eine möchte Strandurlaub, der andere Kulturtrip - manchmal lassen sich die Urlaubswünsche nicht vereinbaren. "Gehen Sie ruhig ein paar Tage getrennte Wege", empfiehlt Michael Stark. "Vor allem Familienväter sollten auch alleine etwas mit den Kindern unternehmen - bei Geschwistern auch mal alleine mit einem Kind." Denn berufstätige Väter verbringen im Alltag oft zu wenig Zeit mit ihrem Nachwuchs. Sie sollten das im Urlaub daher nachholen. Positiver Nebeneffekt: Die Mutter hat auch mal Zeit für sich - was in ihrem Alltag ebenfalls eine Seltenheit ist.
Das Handy ausschalten
Stress- und Streitfaktor Nummer 1 im Urlaub: das angeschaltete Handy. "So nimmt man den Stress aus dem Alltag mit", warnt Stark. Geschäftliche Anrufe nerven auch die Mitreisenden, Konflikte sind vorprogrammiert. Lösung: "Vereinbaren Sie mit Ihrem Unternehmen oder Geschäftspartnern bestimmte Uhrzeiten, zu denen Sie erreichbar sind, zum Beispiel morgens von neun bis zehn Uhr." Meist reiche es aber auch, einmal täglich die Mailbox abzurufen.
Gelassen bleiben
Seit Tagen regnet es in Strömen, das Hotel ist eine einzige Baustelle, und zu allem Überfluss ist das Personal auch noch unfreundlich? "Bleiben Sie gelassen", rät Stark. "Sehen Sie Probleme im Urlaub als sportliche Herausforderung an. Ärgern Sie sich nicht jeden Tag aufs Neue über Dinge, die Sie nicht ändern können, zum Beispiel das Wetter." Denn schlechte Laune zerstört die Erholung. Besser: Regenjacke kaufen, Alternativen überlegen - zum Beispiel Museumsbesuche. "Auch wenn das Hotel oder das Personal nicht so ist, wie man es sich vorgestellt hat, sollte man sich nicht mehr als nötig darüber aufregen", empfiehlt Stark. "Beschweren Sie sich, und prüfen Sie, ob Sie das Hotel wechseln können. Aber wenn sich die Situation nicht ändern lässt, sollten Sie sich nicht jeden Tag aufs Neue davon die Laune vermiesen lassen."
Konflikte auf den Alltag verschieben
Ausgerechnet im Urlaub kriselt es in der Beziehung? Auch hier gilt: gelassen bleiben. Viele Menschen überfrachten ihre freien Tage mit Erwartungen, gleichzeitig fehlen durch die Enge im Hotelzimmer oder in der Schiffskabine Rückzugsmöglichkeiten. "Durch die gegenseitige Nähe im Urlaub werden oft viele Probleme deutlich", erläutert Michael Stark. Damit der Urlaub nicht zur Katastrophe wird, sollten beide Partner sich bewusst machen, dass sie im Urlaub sind und diese Erholungspause auch brauchen. "Verschieben Sie Probleme und deren Bewältigung, wenn es geht, auf den Alltag. Vereinbaren Sie zum Beispiel, eine Paar-Therapie aufzusuchen, und genießen Sie den Urlaub in vollen Zügen", rät der Urlaubs-Experte. Notfalls sollten beide Partner auch ein paar Tage getrennt verbringen.
Den Urlaub nachwirken lassen
Der Alltag hat Sie wieder? Schauen Sie spätestens ein oder zwei Wochen nach Ihrer Rückkehr Ihre Urlaubsfotos an, rät der Urlaubsexperte Stark. In welchen Situationen waren Sie besonders glücklich, auf welchen Fotos lachen Sie? Wer die freien Tage noch einmal Revue passieren lässt und sich überlegt, welche Elemente ihm besonders gut gefallen habe, kann diese gezielt beim nächsten Urlaub einplanen.
Neues in den Alltag integrieren
Der Museumsbesuch hat der ganzen Familie Spaß gemacht? Der Töpferkurs war ein voller Erfolg? "Integrieren Sie positive Elemente aus dem Urlaub in Ihren Alltag", empfiehlt Urlaubs-Experte Stark. "Der Urlaub ist auch eine gute Gelegenheit, um mal etwas Neues auszuprobieren, das man später im Alltag als Erholungsquelle nutzen kann."
Quelle : Focus